Episode 1
Tage, die sich auffächern wie das Kartenspiel in der Hand eines Falschspielers. Oder eines Profis, wenn das nicht dasselbe ist. Die Erde ist feucht, ein Geruch nach Eisen, fast auch auf der Zunge.
So ein Tag war es, als ich mich mit Gesa traf, einer Dramaturgin aus Berlin. Über eins siebzig, langes braun-rötliches Haar, ihre Nase einen Tick zu groß für ihren Mund und die Augen. Sie sei lesbisch, oder queer, wie man heute sage, meinte sie mit einem Lächeln gleich nach ein paar Minuten. Möglicherweise hatte sie das Kompliment in meinen Augen gesehen, ein Funkeln, als wir uns die Hand gegeben hatten, eine klitzekleine Kleinigkeit zu lange. Obwohl sie wusste, dass ich mit unserer Bundestagsabgeordneten verheiratet bin, glücklich, wie eine Zeitung schrieb, und Zwillinge habe. Nicht, dass das jemals gegen eine Affäre gesprochen hätte, eine nette kleine Parallelwelt.
Wir spazierten an den vertäuten, aber abgedeckten Tretbooten an der Neckarwiese vorbei und unterhielten uns über ihr Stück, die Sonne brach aus den Wolken wie ein Schwall Limonade, tatsächlich ein paar Tröpfchen, wieder ihr Lachen, wir mochten uns auf Anhieb, ihr kleiner Stoß mit dem Handrücken gegen meine Schulter.
„Warum haben Sie das Stück nicht gelabelt? Als queer-feministisch oder so?“ Ich nippte an dem Kaffee. Ihr Profil gefiel mir noch besser.
„Ja, das hätte noch mehr Publikum angezogen. Aber ich will in keine Schublade gesteckt werden, in keine, verstehen Sie?“
„Wie Daniel Craig eben James Bond ist, auch wenn er einen russischen Öko-Aktivisten spielt“, lächelte ich.
„Ich bin Gesa Schifrin. Punkt.“
Wir setzten uns auf die Bank, die direkt am Wasser unter dem Uferweg steht. Ein Achter schlich vorbei, die Ruder tauchten synchron in das Wasser, eine Graugans darüber, als würde sie mit ihren Flügelschlägen den Takt vorgeben.
„Aber gehört Ihr“, ich stockte kurz, „Queersein nicht zu Ihnen wie die Tatsache, dass Sie in einem Internat in Bayern zur Schule gegangen sind? Dass ggfSie ein Café in Mitte betreiben? Wieso halten Sie es quasi geheim? Klar, Sie bespielen sowieso nicht Facebook und Insta, aber…“
„Ihnen binde ich es sofort auf die Nase? Keine Ahnung. Mir war danach. Es ist nicht geheim, wer mich ein wenig besser kennt, weiß es. Ich will nur nicht im Beruf auf mein Geschlechtsleben reduziert werden.“
Ich hielt ihr meinen leeren Pappbecher hin und sie steckte ihren hinein. „Wie wollen Sie denn erinnert werden?“, fragte sie, schlug ihre Beine übereinander und ließ ihren schwarzglänzenden Stiefel auf und ab wippen. „Als Leiter eines der hipsten Bühnen der Republik mit Händchen für Perlen“, sie lachte wieder ihr helles Lachen, „wie mich? Oder als Ehemann der künftigen Umweltministerin?“
„Keine Ahnung. Ist das dasselbe?“
„Nicht ganz, aber fast. Es geht um Reduktion, nur in einem anderen Kontext. Aber wenn Sie wollen: Würden Sie gerne ausschließlich als Ehemann und Vater wahrgenommen werden, groß, lange Haare, die grauen Strähnen offenbar nachgedunkelt…“
„ Sagen wir 'du', wenn wir schon so nett zueinander sind?“
„Und Sie der Ältere, noch dazu ein Mann, der das Vorrecht hat, das zu bestimmen?“ Sie nahm mir die Becher aus der Hand und warf sie in den Mülleimer neben sich. „Aber ja.“ Sie hielt mir ihre Faust hin. „Gesa.“
Ich tippte sie kurz mit dem Knöchel an. „Dave. Alle meine Freunde nennen mich so.“
Eine Weile schwiegen wir. Mein Leben als Mann. Darüber hatte ich noch nie nachgedacht. Was gäbe es zu berichten, über mein Wesen, dezidiert als Mann? Wie ich zu dem geworden bin, den andere in mir sehen und der zu sein ich glaube?